Akademische versus berufliche Bildung – Mit Vorurteilen aufräumen!

(Foto: Joerg Lantelme - Fotolia)

Fast jeder Fünfte der im Jahr 2011 Erwerbstätigen hat zuvor an einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie studiert. Der ungebremste Trend zur Akademisierung sorgt jedes Jahr für viele neue Jungakademiker auf dem Arbeitsmarkt: Von 2001 bis 2011 kletterte der Akademikeranteil unter den Erwerbstätigen um fünf Prozentpunkte auf 19 Prozent.

Laut Statistischem Bundesamt haben 2012 rund 413.000 Studierende ihre akademische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen – ein neuer Rekord. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Plus von gut fünf Prozent. Vor dem Hintergrund hoher Studienanfängerzahlen (rund 506.000 Neuimmatrikulationen im Wintersemester 2013/14) dürfte die Zahl der Berufsanfänger mit akademischem Abschluss auch in den nächsten Jahren weiter deutlich wachsen, bevor sie in Folge der demografischen Entwicklung zurückgehen wird. Warum sich so viele Menschen für ein Hochschulstudium und nicht für eine berufliche Ausbildung entscheiden, beruht unter anderem auf einem Gesellschaftsbild, das nicht zuletzt durch die Politik vermittelt wurde: Das Abitur wird mittlerweile vielfach als "Mindestabschluss“ einer schulischen Qualifikation angesehen. Daraus resultiert bei Jugendlichen der Trugschluss, dass nur das Abitur optimal auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit vorbereitet. Des Weiteren wird das Bild vermittelt, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker und dass das Arbeitslosenrisiko geringer ist und Akademiker schlicht die „besseren Jobs“ haben. Doch stimmen diese (Vor-)urteile tatsächlich?

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker?

Vergleicht man Gehälter von Akademikern und Nicht-Akademikern, kommt manschnell auf den Vergleich des Lebenseinkommens: Ein Akademiker verdient laut IAB(Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) 2,3 Mio. Euro in seinem gesamtenLeben. Jemand, der eine Berufsausbildung absolviert hat, verdient hingegen nur 1,3Mio. Euro. Ein Unterschied von einer Million Euro scheint das Klischee zu bestätigen.Jedoch gibt es in der Gruppe der Akademiker erhebliche Unterschiede: Darf einElektroingenieur mit einem Einstiegsgehalt von ca. 4.500 Euro rechnen, so hat einArchitekt zu Beginn seines Arbeitslebens durchschnittlich lediglich 2.400 Euro zurVerfügung. Absolventen der Sozialpädagogik oder der Geisteswissenschaften müssenbeim Gehalt meist noch größere Abstriche machen. Besonders niedrig ist das Gehalt in der Forschung: Ein Archäologe, der an einer Universität in Vollzeit beschäftigt ist, muss im Schnitt mit einem Einstiegsgehalt von 2.200 Euro brutto auskommen. Auch das Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften ist je nach Branche und Beruf unterschiedlich, aber oft höher, als man vielleicht meint. Kaufleute für Versicherungund Finanzen können nach ihrer Berufsausbildung mit einem Gehalt von bis zu 3.000 Euro brutto rechnen. Arbeitskräfte in der Industrie sind sehr gefragt. Ohne Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder Zuschläge kann ein ausgelernter Industriemechaniker mit ca. 2.500 Euro brutto monatlich rechnen. Wird später noch eine betriebliche Weiterbildung, wie beispielsweise zum Industriemeister, absolviert, liegt das Durchschnittsgehalt bei 3.000 Euro brutto monatlich. Zudem bekommen beruflich gebildete Fachkräfte laut WSI-Lohnspiegel häufiger Sonderzahlungen als Akademiker – etwa in Form von Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und einem 13. Monatsgehalt.

Das klassische Vorurteil, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen als Nicht-Akademiker, stimmt also nur bedingt. Der insgesamt höhere Gehaltsdurchschnitt wird bei den akademisch Qualifizierten insbesondere durch Ärzte und Ingenieure angehoben, während andere Berufe deutlich darunter rangieren. Eine berufliche Ausbildung kann also lukrativer sein als ein jahrelanges Studium – insbesondere dann, wenn Absolventen durch die zunehmende Akademisierung immer häufiger dazu gezwungen sind, mit unterqualifizierten und somit schlechter bezahlten Jobs ins Erwerbsleben einzusteigen. Zudem sollte man berücksichtigen, dass eine berufliche Ausbildung schon während der Ausbildungszeit vergütet wird und im Vergleich zum Master-Studium mit durchschnittlich drei Jahren einen vergleichsweise geringen zeitlichen Aufwand bedeutet. Nicht immer kann die längere Ausbildungszeit von Akademikern durch ein höheres Einstiegsgehalt sowie ein höheres Lebenseinkommen kompensiert werden. Führt man sich zudem vor Augen, dass das Einstiegsgehalt in manchen Akademikerberufen noch niedriger ist als das von beruflich Gebildeten, wird das „Aufholen“ für die Akademiker noch schwieriger. Perspektivisch dürfte sich sogar das Einkommensgefüge insgesamt zu Gunsten der beruflich Gebildeten verschieben, wenn der Trend zur Akademisierung weiterhin anhält: Bis Ende des Jahres 2020 werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt rund 1,4 Mio. MINT-Facharbeiter fehlen – aber nur 150.000 MINT-Akademiker! (Vgl. IW 2014)

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker weniger oft arbeitslos sind als Nicht-
Akademiker?

Das Arbeitslosenrisiko sinkt mit steigendem Bildungsniveau. Nach Berechnungen
des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag die qualifikationsspezifische Arbeitslosenquote für Akademiker im Jahr 2012 bei 2,5 Prozent (2011: 2,4 Prozent). Bei Menschen in der mittleren Berufsebene (erfolgreicher Abschluss einer betrieblichen Ausbildung) ging die Arbeitslosenquote in der Zeit von 2011 auf 2012 geringfügig von 5,1 auf 5,0 Prozent zurück. Bei Fachkräften, die sich zum Meister- oder Techniker weiterqualifiziert haben, liegt die Arbeitslosenquote hingegen bei lediglich 2,1 Prozent. Eine duale Ausbildung mit anschließender Aufstiegsfortbildung schützt demnach noch besser vor Arbeitslosigkeit als ein Studium. Zudem kann man nicht alle Akademiker über einen Kamm scheren. Die Arbeitslosenquote bei Akademikern im Bereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik liegt bei 4,9 Prozent. Bei den Sprach-, Literatur- und Geisteswissenschaftlern liegt die Arbeitslosenquote – berechnet auf Basis der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – bei 9,3 Prozent. Bei den Gesellschaftswissenschaftlern und Psychologen sind 7,3 Prozent ohne Job. Lediglich 1,3 Prozent der Absolventen in der Humanmedizin finden keine Beschäftigung, was die Quote insgesamt wieder senkt. In der offiziellen Statistik gibt es allerdings Unschärfen: Praktika, Minijobs und einkommensschwache Zeiten während der Selbstständigkeit fallen nicht unter Arbeitslosigkeit - und auch nicht die vielen Akademiker, die notgedrungen Stellen besetzen, die nicht ihren Anforderungen entsprechen (Stichwort: „Bachelorisierung der Sachbearbeitertätigkeit“). Der bereits heute erkennbare Trend zur atypischen oder inadäquaten Beschäftigung dürfte sich bei weiter steigenden Akademikerzahlen noch verschärfen.

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker immer „passendere“ und sicherere
Jobs haben als Nicht-Akademiker?

Die Ausbildungsadäquanz der aktuellen Tätigkeiten von Akademikern wurde in einer Studie der Universität Oldenburg im Juni 2012 untersucht. Dabei wurde unter anderem festgestellt, dass 30 Prozent der universitären Bachelorabsolventen des befragten  Jahrgangs zwei Jahre nach ihrem Abschluss nicht adäquat beschäftigt sind; im Bereich der Geisteswissenschaften waren es sogar 46 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit bezieht sich in ihrer Arbeitsmarktberichterstattung auf eine Studie des HIS (Hochschul-Informations-System), die sich auf Absolventen des Jahrgangs 2009 stützt. Dieser Untersuchung zufolge sind 43 Prozent der universitären Bachelorabsolventen der Sprach- und Kulturwissenschaften nicht ihrer Ausbildung entsprechend beschäftigt. Für die fachhochschulischen Bachelorabsolventen beträgt der Vergleichswert hingegen nur 32 Prozent. Daran lässt sich ablesen, dass auf Bachelor-Niveau die Absolventen der Fachhochschule gegenüber denen einer Universität einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt besitzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Befristungsanteil bei Akademikern. Laut Statistischem Bundesamt lag 2011 bei Nicht-Akademikern mit einer abgeschlossenen Meister-/Technikerausbildung der Befristungsanteil bei nur 5,7 Prozent. Der Anteil der Akademiker in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis lag im Jahr 2011 hingegen mit 10,3 Prozent deutlich darüber. Dieser Unterschied zu den beruflich Qualifizierten ist schon beachtlich, auch wenn Stellen im Wissenschaftsbetrieb, die eher von Akademikern eingenommen werden, recht häufig befristet ausgeschrieben sind.

Fazit: Mit einem Hochschulabschluss in der Tasche verdient man keineswegs generell mehr als ein Nicht-Akademiker. Und die Chance, nach einem Studium eine adäquate Beschäftigung in einer unbefristeten Anstellung zu finden, ist geringer als mit einem Meister- oder Technikerabschluss. Höchste Zeit also, mit den gängigen Vorurteilen aufzuräumen und den Karriereweg der beruflichen Bildung noch stärker als lohnende Alternative zum Studium zu bewerben!

Quelle: DIHK

DIHK-Ansprechpartner:
Julia Flasdick, Bereich Weiterbildung, Tel.: (030) 20 30 8-25 50
Markus Kiss, Bereich Ausbildung, Tel.: (030) 20 30 8-25 16