Neue Wege und Potentiale zur Fachkräftesicherung

Erste gemeinsame Veranstaltung der Berufsförderungswerke und Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen zeigte Beispiele aus der Praxis für die Praxis

Das Potential von Fachkräften mit Behinderung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Bei ihrer Einstellung oder Ausbildung können Unternehmen auf zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen. Das war die Botschaft der Veranstaltung „Fachkräfte inklusive!“ am 25. September im Essener SANAA-Gebäude auf dem Zollverein-Gelände. Die Berufsförderungswerke hatten gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen erstmalig dazu eingeladen. Ziel war, die rund 300 Teilnehmer – darunter zahlreiche Unternehmer aus dem Bundesland – zu informieren, welche praxisnahen Möglichkeiten und Qualifizierungsangebote es gibt, um langjährige gute Mitarbeiter mit Verschleißerscheinungen im Unternehmen zu erhalten oder Menschen mit Behinderungen einzustellen.
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) warb in einem Impulsreferat dafür, die berufliche Qualifizierung von Menschen mit Behinderung mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Jeder Mensch müsse die Möglichkeit haben, darüber auch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gelte, „individuelle Vielfalt und Unterschiedlichkeit bewusst als gesellschaftliche und ökonomische Vorteile anzuerkennen.“ Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele, verwies auf den starken Willen von Menschen mit Behinderung. Wenn sie eine Chance bekommen, würden sie diese auch nutzen. Udo Dolezych, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, vertrat die Meinung, dass jedes Unternehmen sich rechtzeitig Gedanken machen müsse, wie es einem möglichen Fachkräftemangel im eigenen Haus entgegentritt.

Beispiel 1:
RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH
Im Vordergrund der Veranstaltung standen konkrete Beispiele aus Unternehmen verschiedener Größe – beispielsweise die RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH mit Sitz in der Essener Nachbarstadt Mülheim an der Ruhr. Das Unternehmen stellte unlängst eine hochgradig hörgeschädigte kaufmännische Auszubildende ein. Die Initiative ging vom Berufsförderungswerk aus, dort wird die Auszubildende auch weiterhin zusätzlich betreut. Die Erfahrungen sind positiv, sagt die RWW-Ausbildungskoordinatorin Beate Bacevicius: „Sie arbeitet sehr selbstständig, ist fleißig, fröhlich und bekommt aus allen Abteilungen sehr gute Bewertungen. Wir haben es auf keinen Fall bereut und können es auch nur anderen Unternehmen empfehlen.“

Beispiel 2:
Schell GmbH & Co. KG Armaturentechnologie
Ein weiteres Beispiel lieferte der Armaturenhersteller Schell aus dem sauerländischen Olpe. Nach 20 Jahren im Unternehmen konnte der Instandhalter Reinhard Stahl unter anderem wegen mehrfacher Bandscheiben-Operationen nicht mehr in seinem ursprünglichen Beruf arbeiten. Hier war es der Betriebsservice der Deutschen Rentenversicherung, der eine gute Lösung fand. Gemeinsam mit dem Unternehmen und Reinhard Stahl wurde beschlossen, ihn in der Qualitätssicherung einzusetzen. In Zusammenarbeit mit dem Berufsförderungswerk bekam er eine halbjährige Weiterbildung. Ein Teil der Qualifizierung wurde dabei im Berufsförderungswerk durchgeführt, die Vertiefungsphase fand dann anschließend wieder im Betrieb statt. „Das war eine perfekte Einarbeitung in die neue Abteilung“, freute sich Reinhard Stahl, „besser vorbereitet kann man nicht in einen neuen Job starten!“

Innovativer Ansatz der IHK
Der Geschäftsbereichsleiter IHK Arnsberg Hellweg-Sauerland, Klaus Bourdick, stellte die IHK-Kompetenzfeststellung bei Teilqualifikationen vor. Teilqualifikationen sind abgegrenzte und standardisierte Ausbildungsbausteine innerhalb eines Ausbildungsberufes: „In den meisten Fällen führten die Teilqualifikation auch zu einem Berufsabschluss. Unsere Erfahrung ist: Wer einmal drin ist, der bleibt auch dabei.“ Die IHK führt am Ende jeder Teilqualifikation eine Kompetenzfeststellung durch, bei erfolgreicher Teilnahme gibt es eine Bescheinigung über die erworbenen Fähigkeiten. So erhöht ein Teilnehmer seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Fazit: Unterstützung ist möglich
Am Ende der Veranstaltung hatten die Teilnehmer viel über Teilqualifizierungen, Potenzialanalysen oder zielgerichtete Weiterqualifizierungen für neue Arbeitsplätze erfahren und Thomas Keck aus dem Vorstand des Nordrhein-Westfälischen Berufsförderungswerkes zog ein positives Fazit. „Die Betriebe haben heute erfahren, was wir alles leisten und wie vielfältig wir unterstützen können. Der Markt wird enger, der Fachkräftemangel nimmt zu. Wir kümmern uns um eine Menge Menschen, die arbeiten und sich einsetzen wollen.“