Bildung und Demographie – wohin geht der Weg?

Neue OECD-Studien zu den Fähigkeiten von Schülern (PISA und IGLU) zeigen: Deutschland ist – zumindest bei der schulischen Bildung – auf dem richtigen Weg und die bisher angestoßenen Reformen wirken. Ist das so? Von wirklichen Verbesserungen kann man allenfalls in den Naturwissenschaften reden. Auch wenn sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt hat, auf einem nachweisbaren Erfolgsweg sind wir damit noch nicht. Hierzu müsste z. B. über die Einführung einer dual orientierten Lehrerausbildung und die Aufhebung des nach wie vor extrem starken Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungskarrieren diskutiert werden. Solange die Lehrerausbildung nicht entsprechend reformiert ist, ist die Zusammenlegung von Schulformen riskant. Denn: Derzeit lernen die Lehrer den Umgang mit heterogenen Klassen nur begrenzt.

Genauso wichtig ist die erfolgreiche „Integration“ und Unterrichtung von Kindern mit Migrationshintergrund bzw. mit einer anderen Herkunftssprache. Hier müssen auch die Eltern viel stärker eingebunden und unterstützt werden.

Eine aktuelle Studie des DIHK zeigt, dass Unternehmen inzwischen einen erheblichen Fachkräftemangel haben. Sind das bereits Auswirkungen der Demografie?

Der vielfach beklagte Fachkräftemangel bezieht sich vor allem auf bestimmte Qualifikationsgruppen, insbesondere Ingenieure. Dies liegt aber weniger am demografischen Wandel, sondern am Ausbildungs- und Studierverhalten junger Menschen. Zu wenige Schulabgänger wählen Natur- und Ingenieurwissenschaften und von den wenigen, die sich dafür entscheiden, schließt nur ein Teil das Studium erfolgreich ab – trotz recht guter Studienbedingungen. Da stimmt etwas im System nicht. Es gelingt auch nicht, Frauen für technische Fächer und Berufe zu gewinnen oder die wenigen dort zu halten – auch dies liegt zu einem gewissen Teil an der Studienorganisation – mehr Interdisziplinarität, andere Lernformate und Methoden wären sicherlich hilfreich; das ist aber mit vielen männlichen Professoren wohl nicht zu machen.

Die deutsche Angst hat ein neues Thema gefunden – die Deutschen sterben aus. Ist es bereits so schlimm?

Natürlich sterben die Deutschen aus – schätzungsweise in einigen tausend Jahren oder weil sie sich mit anderen Nationalitäten verheiraten. Aber im Ernst: Die nachwachsenden Generationen müssen besser qualifiziert sein, um die wachsenden Anforderungen bewältigen zu können.

Ein ganz wichtiger Eckpfeiler ist auf jeden Fall eine Verbesserung des Bildungsniveaus der jungen Menschen und die Integration heute noch eher bildungsferner Bevölkerungsgruppen und Benachteiligter.

Welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsmarkt?

Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Heraufsetzung des Rentenalters. Wenn man aber mehr als 50 Jahre arbeiten soll, müssen auch die Arbeitsbedingungen stimmen. Und die stimmen vielfach nicht mehr. Der Arbeitsdruck, oder wie es so schön heißt, die Arbeitsverdichtung ist für viele extrem. Das hält man nicht lange durch. Der Prozess der Arbeit muss daher mittelfristig anders organisiert werden – abwechselnd Belastungs- und Entlastungsspitzen müssen möglich sein. Nur dann kann man auch Beruf, Familie und Weiterbildung miteinander kombinieren. 50 Jahre arbeiten bedeutet auch, dass man sich weiterbilden muss – hier ist noch erheblicher Nachholbedarf bei Unternehmen und Beschäftigten festzustellen.

Was können wir tun um gegenzusteuern?

Zunächst sollten wie uns der positiven Herausforderung Zukunft wirklich stellen und alte Zöpfe abschneiden. Zweitens: Wir verschleudern viel zu viele Potenziale junger Menschen; wenn sie nicht ins Bild passen – oder sich nicht einpassen wollen, dann können wir damit nicht umgehen und lassen sie liegen. Im schlimmsten Fall schicken wir sie weg. Hierzu gehört eine Umorientierung im Bildungswesen, weg vom akademisch-theoretischen Ansatz von Schulen und Hochschulen hin zur Lebensweltorientierung und Verbindung von praktischen und theoretischen Teilen. Duale Studiengänge werden ebenso deutlich an Bedeutung gewinnen – und zwar nicht nur an Berufsakademien – wie duale Bildungsgänge an Gymnasien oder anderen Schulformen.

Wo sehen Sie Beschäftigungspotenziale, die uns helfen, den Ersatzbedarf auszugleichen?

Wir werden sicherlich mehr qualifizierte Fachkräfte aus anderen Ländern haben, allerdings sehe ich noch nicht, dass Deutschland auf den Wettbewerb mit anderen Ländern um ausländische Fachkräfte ausreichend vorbereitet ist, schließlich haben alle Länder um uns herum das gleiche Problem. Ferner muss man auch sehen, dass das denjenigen schwer zu vermitteln ist, die selbst seit Jahren arbeitslos sind. Außerdem besteht bei der Frauenerwerbstätigkeit, insbesondere bei mittleren und geringeren Qualifikationen, noch Nachholbedarf. Wir haben aber zu viele Regelungen, durch die Erwerbsarbeit für Frauen unattraktiv wird. Denken Sie etwa an Mini-Jobs oder die hohen Abzüge bei der Steuerklasse V; auch das Betreuungsgeld wird diesen Effekt weiter verstärken. Des Weiteren: bei den hochqualifizierten Frauen sind die Potenziale im Hinblick auf die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung begrenzt. Hier geht es eher um gerechtere Karrierechancen. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft zudem Frauen und Männer.

Welche Auswirkungen hat das auf die Bildung? Was kann die Bildungspolitik tun?

Zunächst wird die Weiterbildung eine wesentlich größere Rolle bekommen, als sie heute hat. Wer länger arbeitet, muss sich auch länger fit und auf dem aktuellen Stand halten. Ferner werden wir mehr Menschen haben, die mehrere Ausbildungen haben und dabei auch nicht immer in der gleichen Region oder Studienrichtung verbleiben. Gleichzeitig wird es noch stärker darum gehen, Bildung mit der Arbeitswelt zu koppeln. Auch auf die Hochschulen kommen andere Herausforderungen zu. Sie werden einerseits in der Weiterbildung eine größere Rolle spielen – was bisher durch unzureichende Rahmenbedingungen verhindert wurde. Andererseits werden sie mehr Menschen mit einer beruflichen Ausbildung adäquate Studienangebote machen müssen. Also zum Beispiel spezielle Masterangebote für Meister, die auf deren Vorqualifikationen aufbauen und ausgerichtet sind. Die derzeitige Praxis, Meister mit Abiturienten gleichzusetzen, ist absurd.

Grundsätzlich besteht die Aufgabe des Bildungssystems darin, alle jungen Menschen zu einem möglichst guten Schul- und Berufsabschluss zu führen. Dieses Ziel wird derzeit vielfach nicht erreicht, aus unterschiedlichen Gründen, die auch nicht alle im Schulsystem liegen. Daher wird es in Zukunft auch zu einer deutlich stärkeren Kooperation mit Jugendhilfe und/oder Sozialarbeit kommen müssen.

Dr. Dieter Dohmen
Direktor Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie
Reinhardtstr. 31
10117 Berlin
E-Mail: d.dohmen@fibs.eu

Quelle: DIHK - Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V.