Fachkräftesicherung - Wenn der Berg zum Propheten kommt

Der Fachkräftemangel macht erfinderisch: Unternehmen suchen schon unter Schülern nach künftigen Spitzenkräften, setzen bereits Azubis in verantwortungsvolle Positionen und bilden bewährte Mitarbeiter umfassend weiter.

„Es macht Spaß, Chef zu sein.“ Für Christopher Bahr ist das eine neue Erfahrung. Verantwortung übernehmen, selbst Entscheidungen treffen und für diese auch geradestehen zu müssen – all das erlebt der junge Azubi schon während seiner Ausbildung bei „Globetrotter“. Bei Europas größtem Outdoor-Händler erlernt er nämlich nicht nur den Beruf des Bürokaufmanns, sondern ist auch noch Filialleiter des so genannten „Azubi-Stores“. Das ist quasi eine Firma in der Firma, die seit vier Jahren von Auszubildenden in Eigenregie geführt wird. Vom Einkauf über die Organisation von Verkaufsevents bis zur Bilanz – für alles sind die Auszubildenden selbst zuständig. „Indem wir Azubis frühzeitig Verantwortung übertragen“, sagt „Globetrotter“-Geschäftsführer Andreas Bartmann, „steigen unter ihnen Motivation und Zufriedenheit.“ Auch die Bindung der jungen Mitarbeiter an den Arbeitgeber habe seitdem zugenommen.

Wie „Globetrotter“ lassen sich immer mehr Unternehmen etwas Besonderes einfallen, um sich rechtzeitig die Fachkräfte von morgen zu sichern – mit gutem Grund. Denn laut einer DIHK-Umfrage zum Fachkräftemangel in Deutschland können rd. ein Drittel der Unternehmen offene Stellen derzeit nicht besetzen. Das sind doppelt so viele wie vor zwei Jahren. Unternehmen wie z. B. die Heinrich Löwenkamp Maschinenbau GmbH in Inden-Pier bei Düren greifen zu allerlei Gegenmaßnahmen. Der erfolgreiche Maschinenbauer, der sich vor allem mit dem Prototypenbau von Kalkschachtöfen einen Namen gemacht hat, bietet schon seit Jahren ein umfangreiches Praktikantenprogramm an, um vor allem die angehenden Ingenieure aus der benachbarten Technischen Hochschule Aachen so früh wie möglich auf die interessanten Aufgaben eines Prototypenbauers aufmerksam zu machen.

Früh die Berufswelt kennen lernen

Die Suche nach akademischem Nachwuchs ist aber nur ein Teil des wachsenden Personalproblems. Der andere Teil, sagt Geschäftsführerin Christa Weiß, sei es, dass es immer schwerer werde, engagierten Facharbeiternachwuchs für ihr expandierendes Unternehmen zu finden. Getreu dem Motto „Kommt der Prophet nicht zum Berg, dann muss der Berg eben zum Propheten kommen“ ging sie auf eine benachbarte Hauptschule zu und bot ihr eine Lernpartnerschaft an. Seitdem kommen regelmäßig Schüler und Schülerinnen zu Betriebsbesichtigungen und Praktika in das Unternehmen, lernen so frühzeitig die Berufswelt kennen und erhalten die Chance, sich im realen Arbeitsalltag zu beweisen. Die Lernpartnerschaft der Firma Löwenkamp ist inzwischen eine von siebzehn im Kreis Düren, die zur „Kooperation Unternehmen der Region und Schulen“ gehört, einer Gemeinschaftsinitiative der Bezirksregierung Köln sowie der IHKs Aachen, Bonn/Rhein-Sieg und Köln.

Für einen Tag im Chefsessel

Der Bundesverband Junger Unternehmer geht noch einen Schritt weiter. Er setzt die Schüler gleich in den Chefsessel – wenn auch nur für einen Tag. Der branchenübergreifend agierende Interessenverband für junge Familien- und Eigentümerunternehmen führt bereits seit 1980 dieses Bildungsprojekt durch. Rd. 2.500 Schülerinnen und Schüler aus allen Teilen des Landes haben bisher jeweils einen Tag lang einen BJU-Unternehmer in seinem Betrieb begleitet und anschließend einen Erlebnisbericht geschrieben. Die besten Berichte werden prämiert und die Preisträger für einige Tage nach Berlin eingeladen, wo sie bekannte Unternehmer oder Bundestagsabgeordnete treffen. „Mit diesem Projekt wollen wir Schülern ein lebendiges Bild des unternehmerischen Alltags vermitteln“, sagt BJU-Chef Dirk Martin.

Weiterbilden ein Muss

Gerade für viele Mittelständler liegt dagegen der Schlüssel zur Sicherung des Fachkräftereservoirs in der beruflichen Weiterbildung bewährter Mitarbeiter. Ein besonders viel versprechender Weg hierbei ist die Personalschulung im Verbund, erläutert Bernd Helbich, Leiter von MACH2, einem der ältesten Netzwerke zur Personalentwicklung in Deutschland, dem sich im westfälischen Herford mittlerweile 32 Unternehmen angeschlossen haben. Auch die Herbert Kannegiesser GmbH aus dem nahen Vlotho gehört dazu. „Die Vorteile des Netzwerkes liegen für uns auf der Hand“, sagt Kannegiesser-Personalchef Dieter Kirstein. „Vor allem der intensive Erfahrungsaustausch, die Fülle von Synergieeffekten und die systematische Personalentwicklung sprechen für die enge Zusammenarbeit.“ Unschätzbarer Vorteil: Die eigene Arbeit kann auch einmal von außen betrachtet und bewertet werden. Weiterbildung sichert die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen, senkt die Fluktuationsrate und steigert das betriebliche Know-how, lautet Kirsteins Fazit.

Reinhard Myritz
Diplom-Journalist, freiberuflicher Wirtschaftsjournalist und Fachbuchautor
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Quelle: DIHK - Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V.