12.02.2017 - Pressemitteilung 12/2017 der IHK Mittleres Ruhrgebiet

Ziel: Champions League

Diskutierten das Thema "Gründungen": Florian Ziegler, Dawid Schäfers, Florian Hermann, Dr. Christian Großmann und Eric Weik (v. r.) - Foto: Lichtblick

Diskutierten das Thema "Gründungen": Florian Ziegler, Dawid Schäfers, Florian Hermann, Dr. Christian Großmann und Eric Weik (v. r.) - Foto: Lichtblick

Ein Veranstaltungsort mit Flair, eine emotional unterlegte Abschiedsrede des IHK-Präsidenten – und vier erfolgreiche Jungunternehmer, die bei einer Talkrunde klare Worte zur Gründungs(un)kultur in Deutschland und im Ruhrgebiet fanden: Gut 500 Unternehmerinnen und Unternehmer, Repräsentanten aus Politik, Verwaltung, Hochschulen sowie Organisationen folgten am Freitagabend, 10. Februar, der Einladung zum traditionellen Jahresempfang der IHK Mittleres Ruhrgebiet im Schauspielhaus Bochum.

Unter der Moderation von IHK-Hauptgeschäftsführer Eric Weik diskutierten die Unternehmensgründer Dr. Christian Großmann, Ingpuls GmbH; Florian Ziegler, rent-a-guide GmbH; Florian Hermann, Knüppelknifte System GmbH; und Dawid Schäfers, VOLL digital GmbH, unter anderem über den Antrieb, sich selbstständig zu machen, über die Angst, als Unternehmer zu scheitern, über die fehlende Gründungsunterstützung an Hochschulen – und über das ewige Dilemma des fehlenden Kapitals … Und hielten sich dabei mit deutlicher Kritik nicht zurück.

Die Fakten: Deutschland belegt unter den innovationsbasierten Volkswirtschaften den letzten Platz bei den Unternehmensgründungen. Und beim Thema Risikokapital, so formulierte es Weik, „spielen wir Regionalliga und nicht Champions League“. Was kann man tun, damit sich genau dies alles ändert.

Faszination des Unternehmertums

Die Kernbotschaften des Jung-Unternehmer-Quartetts: „Es gibt in den Vorlesungen an den Hochschulen keinen Raum für Unternehmertum“, kritisierte Großmann. Und: „Es fehlt an den Hochschulen an Vorträgen von Selfmade-Unternehmern aus der Region, die einem die Faszination des Unternehmertums vermitteln“, wie Ziegler ergänzte. Hochschulen vermittelten Fachkompetenzen, um später bei einem Unternehmen „einen guten Job“ zu bekommen – wie man sich selbstständig machen könne, erkläre einem keiner. „Als wir uns selbstständig machten“, ergänzte Hermann, „hat uns vorher keiner gesagt, welche bürokratischen Hürden sich überall auftun.“

Generell sei es sinnvoller, „im Team“ zu gründen, weil beispielsweise ein Ingenieur im Studium nicht zwingend etwas über Betriebswirtschaft oder IT lerne. Eine Option, seitens der Hochschulen den Schritt in die Selbstständigkeit zu unterstützen, sei die Schaffung von Anlaufstellen für Gründer-Teams in den Hochschulen. Und mehr Kooperationen mit Unternehmen.

Seine ersten Chefs, berichtete Schäfers, hätten ihm gezeigt, „wie man es nicht machen sollte“ – es sei von Anfang an sein Ziel gewesen, „als Chef alles anders zu machen“. Denn: „Mitarbeiter, die motiviert und zufrieden sind, sind die besseren Mitarbeiter.“ Deshalb gibt es bei VOLL digital in Hattingen auch keine festen Arbeitszeiten, flache Hierarchien – und sogar die Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter werde angestrebt.
Das Dilemma in Deutschland sei nur, dass „man hier gleich an den Pranger gestellt wird, wenn man als Unternehmer scheitert“. Eine Mentalität, die mit Sicherheit viele davon abhalte, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

Gegen diese „Risikodenke“ argumentierte auch Hermann. Deutschland brauche einen „Mentalitätswechsel“ – oder wie Schäfers es formulierte: „Wir müssen die Gründung eines Unternehmens mehr als Chance statt als Risiko“ sehen. „Und wir brauchen ein positives Marketing für Unternehmertum“, so Ziegler.

Es fehlt an Risikokapital

Wer von der „Risikodenke“ nach Sicht der Start-up-Unternehmer auf jeden Fall wegkommen müsse: die Geldinstitute. „Das größte Problem“, so Ziegler, „ist auf jeden Fall die Finanzierung“ – nicht nur bei der Gründung, sondern auch bei der Anschlussfinanzierung. Man brauche speziell im Ruhrgebiet „viel mehr Risikokapital“. Ziegler plädierte in Anwesenheit von Dr. Günther Horzetzky, Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium, für die Schaffung neuer Gründer-Fonds und eine stadtübergreifende Zusammenarbeit im Ruhrgebiet. Was in Berlin funktioniere, müsse auch hier möglich sein.

Unter dem Beifall der Gäste im großen Saal des Schauspielhauses formulierte Großmann zum Abschluss der Runde einen Wunsch: „Ich wünsche mir mehr Vertrauen in die Gründer“ – und hatte damit nicht nur, aber insbesondere die Banker im Blick.

IHK-Präsident Jürgen Fiege nutzte seine Rede sowohl zu einem Aus- wie auch zu einem Rückblick: Sowohl 2017 als auch 2016 seien „nicht irgendein Jahr“. Es müsse 2017 gelingen, „auf dem Weg der Integration der zu uns geflüchteten Menschen einen großen Schritt vorwärts zu kommen“. Fiege verwies dabei auf zwei aktuelle Initiativen der IHK Mittleres Ruhrgebiet: die Anfang März anstehende Gründung des „Vereins zur Unterstützung der Qualifizierung und Ausbildung von Zugewanderten“ sowie die Implementierung der „Liechtenstein Languages“ an den Bochumer Schulen, insbesondere den Berufskollegs.

Erfolgsgeschichte

Mit Blick auf die Entwicklung des Areals des früheren Opel-Werks 1 in Bochum-Laer sagte Fiege, „Mark 51°7 hat das Zeug, zu einer Erfolgsgeschichte für unseren IHK-Bezirk“ zu werden. Neben der Ansiedlung von DHL und dem Engagement der Aachener Landmarken AG, das frühere Opel-Verwaltungsgebäude zu entwickeln, setzt der IHK-Präsident vor allem auf die Entwicklung eines zweiten Uni-Campus am Rande des Areals an der Wittener Straße. Fiege wörtlich: „Wie könnte die zwingend notwendige Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft besser erreicht werden, als durch die Ansiedlung wissenschaftlicher Institute nur einen Steinwurf von produzierendem Gewerbe entfernt.“ Auch das „Deutsche Zentrum für IT-Sicherheit“, um das sich die Ruhr-Uni beworben habe, könnte nach Ansicht Fieges dort seine Heimat finden.

Lob gab es ebenfalls für die Ansiedlungspolitik der Stadt Herne – „die Stadt hat auf der Karte der starken Logistikstandorte eine Fahne eingerammt“ – für die Entscheidung des Wohnungsriesen VONOVIA, seine Hauptverwaltung in Bochum neu zu bauen, und für das Wittener Unternehmen Ardex, mit dem geplanten „Ardex-Tower“ ein architektonisches Bekenntnis zum Unternehmensstandort abzugeben.

Wenn sich am 16. März die neue Vollversammlung der IHK Mittleres Ruhrgebiet konstituiert und an diesem Tag einen neuen Präsidenten wählt, endet die mehr als sechsjährige Amtszeit von Jürgen Fiege, der nicht wieder für die Vollversammlung kandidiert hatte. Es sei ihm deshalb ein „besonderes Bedürfnis, danke zu sagen“, formulierte der scheidende Präsident – bei allen, „die in stürmischen Zeiten für mich einen guten Rat“ und immer „ein offenes Ohr für die Anliegen der IHK“ hatten.

Fieges letztes Wort als Präsident auf einem IHK-Jahresempfang gehörte aber jenem Thema, für das er während seiner gesamten Amtszeit gekämpft hatte: die Ausbildung. Fiege wörtlich: „Wir, die wir ausbilden, wissen, dass wir durch die Qualität der Ausbildung Fachkräfte schaffen, die die Herausforderungen der Zukunft meistern können. Zum Nutzen unserer Unternehmen. Also lautet mein Appell: Bilden Sie aus!"

 

Rede IHK-Präsident Jürgen Fiege

 

 

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