Wissenschaft bringt Metropole Ruhr Milliardenumsatz und schafft Arbeitsplätze

RVR und Ruhr-IHKs stellen Studie zum Wirtschaftsfaktor Wissenschaft vor

 

Rechnet sich die Wissenslandschaft Ruhrgebiet auch ökonomisch? Nach einer Studie des Instituts für angewandte Innovationsforschung e. V. an der Ruhr-Universität Bochum (IAI) haben die Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstitute der Metropole Ruhr in 2013 knapp 2,5 Milliarden Euro Umsätze ausgelöst – Tendenz steigend. Mit fast 25.000 direkt Beschäftigten ist die Wissenschaft zudem einer der größten Arbeitgeber im Ballungsraum. Insgesamt profitieren 50.000 Beschäftigte vom Wissenschaftssystem im Ruhrgebiet.

Das sind erste Zahlen zur regionalwirtschaftlichen Bedeutung der Wissenslandschaft Ruhrgebiet. Die Studie hat der Regionalverband Ruhr (RVR) mit finanzieller Unterstützung der Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets (Ruhr-IHKs), des Initiativkreises Ruhr sowie der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr in Auftrag gegeben.

RVR-Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel, Hauptgeschäftsführer i.V. Christoph Burghaus der IHK Mittleres Ruhrgebiet in Bochum und Professor Dr. Bernd Kriegesmann, Präsident der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen sowie Leiter des IAI stellten heute (1. Juni) die Studie vor.

RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel zieht ein erstes Fazit: „Die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen garantieren der Metropole Ruhr erhebliche ökonomische Effekte, die längst noch nicht ausgeschöpft sind. Dazu müssen jedoch die Rahmenbedingungen verbessert werden. Angemessene Betreuungsrelation, mehr Spitzenforschung. Zweck der Studie ist es daher, allen Verantwortlichen in Bund und Land wissenschaftliche Fakten zu liefern. Auf der Basis kann genau dort der politische Hebel angesetzt werden, wo man die Entwicklung der Wissenslandschaft effektvoll vorantreiben muss. Wir werden die Ergebnisse dieser Studie mit allen regionalen Akteuren diskutieren und eine gemeinsame politische Meinungsbildung herbeiführen. Der nächste Wissensgipfel im September ist hierfür eine hervorragende Gelegenheit, Strategien abzustimmen und die nächsten Schritte einzuleiten.“

Hochschulstandort mit den meisten Studierenden

Die Metropole Ruhr ist der größte Hochschulstandort in Deutschland. Mit deutlich über 250.000 Studierenden lässt das Ruhrgebiet alle anderen Metropolregionen wie Berlin, München oder Hamburg hinter sich. Damit ist die Wissenschaftslandschaft ein interessantes Umfeld für expansions- und innovationsorientierte Unternehmen und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen stehen für knapp 2,5 Milliarden Euro, die in der Metropole Ruhr nachfragewirksam werden. Dabei hängen 1,7 Milliarden Euro direkt an Investitions- und Sachausgaben der Wissenschaftseinrichtungen sowie Konsumausgaben der Beschäftigten und Studierenden. Weitere 770 Millionen Euro Umsatz entstehen in vielen anderen Branchen wie Wohnungswirtschaft, Handel, Gastronomie, Handwerk etc.

Dabei ist nicht zu unterschätzen, dass die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen insbesondere über Forschungstätigkeiten Mittel aus der EU oder dem übrigen Deutschland in die Region holen. Jeder Euro aus der Grundfinanzierung des Landes erzeugt 29 Cent Drittmittel.

Mehr Hochschulpersonal nötig

Diese regionalökonomischen Effekte schlagen sich auch in spürbarer Beschäftigung nieder. Etwa 25.000 Menschen sind direkt in Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und an Studierendenwerken beschäftigt. Weitere 22.000 Arbeitsplätze in anderen Branchen werden durch die ausgelöste Nachfrage gesichert bzw. geschaffen. Doch das Entwicklungspotenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft. Würde etwa die im Bundesdurchschnitt realisierte Betreuungsrelation von wissenschaftlichem Personal zu Studierenden auch an Ruhrgebietshochschulen umgesetzt, entstünden zusätzliche Nachfrage- und Beschäftigungseffekte.

Doch nicht allein diese Effekte hat Christoph Burghaus, Hauptgeschäftsführer i. V. der IHK Mittleres Ruhrgebiet, im Blick, wenn er eine spürbare Erhöhung der Betreuungsrelation an den Ruhrgebiets-Hochschulen fordert: „Der Wirtschaft geht es in erster Linie um eine praxisnähere Lehre an den Hochschulen. Die aktuelle DIHK-Umfrage zu den Erwartungen der Wirtschaft an Hochschulabsolventen belegt schmerzhaft, dass einer erheblichen Zahl von Studierenden das nötige Rüstzeug für die Arbeit im Betrieb fehlt. Wenn sich deutlich mehr wissenschaftliches Personal um die Studierenden kümmern würde, könnten in den Hochschulen viel mehr praxisnahe Projekte angestoßen werden, als dies derzeit der Fall ist. Ein gutes Beispiel gibt es an der Hochschule Bochum mit dem Institut für Elektromobilität – dort lernen Studierende unternehmerisches Denken.“

Aus Sicht der IHK ist es wichtig, die „klugen Köpfe“ nach ihrem Studium in der Region zu halten, verweist Burghaus auf den zunehmenden Fachkräftebedarf und auf unausgeschöpfte Potenziale bei Unternehmensgründungen im Hochschulumfeld. Zur Sicherung von Fachkräften darf der Blick aber nicht einseitig auf die praxisorientierte Hochschulbildung gerichtet werden, sondern er muss auch die betriebliche Ausbildung umfassen. Die Karrieremöglichkeiten, die eine duale Ausbildung bietet, sind zum Beispiel an den Gymnasien noch nicht so bekannt, wie es sein müsste. Burghaus: „Eine umfassende Berufsorientierung tut not, ein Studium ist nicht immer das Nonplusultra.“

Mehr außeruniversitäre Spitzenforschung gefragt

Weitere Optionen bieten Perspektiven: Während die Metropole Ruhr der größte Hochschulstandort in Deutschland ist, hat die Anzahl der außeruniversitären Forschungseinrichtungen nicht Schritt gehalten. Hier bewegt sich das Ruhrgebiet bei der Beschäftigtenzahl in Instituten der großen Forschungsgemeinschaften etwa auf dem Niveau des Bundeslandes Bremen.

Karola Geiß-Netthöfel und Christoph Burghaus sind sich einig: „Bei aller Zufriedenheit über unsere dichte Hochschullandschaft müssen wir zugeben, dass wir in Teilen der Metropole Ruhr in Bezug auf die Anzahl außeruniversitärer Forschungseinrichtungen noch Nachholbedarf haben.“ Die Wissensmetropole Ruhr bedarf weiterer renommierter Institute wie Max-Planck und Fraunhofer. Gerade solche Forschungseinrichtungen generieren überdurchschnittlich Drittmittel, sorgen für herausragende ökonomische Effekte an ihren Standorten und sind für die weitere technologische Entwicklung der Unternehmen der Region elementar wichtig.