Für Ausbildung begeistern

Ein Roll-up, ein Tisch, Stühle – und fertig war das Speed-Dating. Und Mont Cenis sorgte für spätsommerliches Flair.
Ein Roll-up, ein Tisch, Stühle – und fertig war das Speed-Dating. Und Mont Cenis sorgte für spätsommerliches Flair.

Klare Verabredungen zu Vorstellungsgesprächen für einen Ausbildungsplatz, spontan fest zugesagte Praktikumsplätze, gute Gespräche in völlig lockerer Atmosphäre – und zufriedene Organisatoren, die der Premiere in diesem eine (noch lebendigere) Wiederholung im nächsten Jahr folgen lassen wollen: Das 1. Herner Azubi-Speed-Dating am 21. September in der Akademie Mont Cenis hat schlicht und einfach die Erwartungen übertroffen.

Insgesamt fünf Stunden lang hatten Schüler aus Abschlussklassen von Haupt-, Real- und Gesamtschulen die Möglichkeit, mit Ausbildungsbetrieben ins Gespräch zu kommen. 127 Jugendliche hatten sich angemeldet – es kamen aber noch viel mehr. 36 Unternehmen standen zum Gespräch bereit, über 80 verschiedene Berufe waren in der Verlosung. Und weil ein Speed-Dating eben ein Speed-Dating ist, dauerte jedes Gespräch nur maximal zehn Minuten – dann konnte der nächste potenzielle Bewerber Platz nehmen. Was als modernes Format bei vielen Jugendlichen richtig gut ankam – und wiederum die Kooperationspartner Arbeitsagentur, Stadt Herne, IHK Mittleres Ruhrgebiet, Kreishandwerkerschaft Herne, Moonlight-Network und die Herner Schulen in ihrer Konzeption bestätigte.

Niederschwellige Angebote

„Wir haben ein Problem in Herne“, ließ es Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda auch in Mont Cenis nicht an klaren Worten mangeln. Denn auf 100 Bewerber kamen im Ausbildungsjahr 2017 nur 42 Stellen. „Deshalb brauchen wir niederschwellige Angebote“, damit Schulabgänger Zugang zu Unternehmen und Betrieben finden könnten. Es bringe grundsätzlich nichts, wenn ein Oberbürgermeister „von der Kanzel“ die Unternehmen aufrufen würde, mehr Ausbildungsplätze bereit zu stellen. Stattdessen, so Dudda, werde er beispielsweise „bei allen Neuansiedlungen, insbesondere im Logistikbereich, Druck machen, sofort auch auf Ausbildung zu setzen“.

Dr. Regine Schmalhorst, Chefin der auch für Herne zuständigen Agentur für Arbeit in Bochum, sieht die Probleme alle auch – und hatte trotzdem in Mont Cenis Zahlen im Gepäck, die ein wenig verdeutlichen, dass man sich auf einem steinigen, aber richtigen Weg befindet: Zwar gebe es in Herne ein Missverhältnis von 1582 Bewerbern und nur 659 angebotenen Ausbildungsstellen. Aber: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich 2017 das Angebot um zehn Prozent erhöht. „Sorgen Sie für Ihren Fachkräftenachwuchs“, appellierte sie an die Unternehmen.

Ausbildungsbotschafter

Kerstin Groß, für Ausbildung zuständige Kompetenzfeldmanagerin der IHK Mittleres Ruhrgebiet, nahm die IHK ausdrücklich in die Pflicht: „Es ist unsere Aufgabe, noch viel stärker Unternehmen dafür zu begeistern auszubilden.“ Herne habe mehrere tausend Unternehmen, aber nur etwa 500 hätten eine Ausbildungsberechtigung. Und von denen seien derzeit nur 250 aktiv. „Wir wollen viel stärker in dieser Frage in Kontakt kommen mit den Unternehmen“, so die deutliche Ansage von Groß. Gleichzeitig kündigte sie an, dass die IHK im nächsten Jahr mit „Ausbildungsbotschaftern“ viel präsenter in den Schulen sein wolle. „Denn es ist viel glaubwürdiger, wenn junge Leute, die eine Ausbildung machen, locker über Ausbildung reden, als wenn wir mit Schlips und Anzug vor einer Schulklasse stehen.“

Unter den Besuchern des Speed-Datings war auch Jessica Ruhmann. Vor einigen Tagen hatte sie ein Beratungsgespräch bei der IHK, dort hatte man sie natürlich auch auf die Herner Veranstaltung aufmerksam gemacht. Obwohl sie das Abitur in der Tasche hat, bekam sie bislang nur Ablehnungen auf ihre Bewerbungsschreiben. Veranstaltungskauffrau, Immobilienkauffrau, Hotelkauffrau – das würde sie schon interessieren. Wenn sich nicht noch kurzfristig etwas ergibt, fängt sie im nächsten Monat als Aushilfe an – „damit ich überhaupt etwas mache“. Die junge Frau denkt dabei weniger ans Geld verdienen, sondern mehr daran, „etwas zu finden, was Spaß macht.“ So definiert sich die Attraktivität von Arbeitgebern ganz neu …