Kritik - und doch ein Standortbekenntnis

Eine tolle Atmosphäre: Das Forum der Stadtwerke Witten war ein schöner Rahmen für das 1. Wittener Wirtschaftsforum. (Bild: Volker Wiciok)
Eine tolle Atmosphäre: Das Forum der Stadtwerke Witten war ein schöner Rahmen für das 1. Wittener Wirtschaftsforum. (Bild: Volker Wiciok)

Die frühherbstliche Sonne zauberte ein wundervolles Licht ins Forum der Stadtwerke Witten. Von der Empore aus sorgte ein Duo für Entspannungs-Atmosphäre. Sonnenblumen auf den Stehtischen. Es war angerichtet am Abend des 21. September für eine IHK-Premiere. Gemeinsam mit der Stadt Witten hatte die Industrie- und Handelskammer zum 1. Wirtschaftsforum Witten geladen. Und noch bevor Hauptgeschäftsführer Eric Weik die anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmer begrüßte, war eines klar: Das Format passt in die Zeit. 180 Gäste hatten Lust auf Gespräche, auf netzwerken – und auf „Witten 4.0“ …

Es war Mark Eslamlooy, Chef von Ardex, der charmant lächelnd, aber mit klaren Worten ein wenig Pfeffer in das von Eric Weik moderierte Gespräch über die Zukunftsfähigkeit und die Qualität Wittens brachte. Und Kritik mit einem überzeugenden Standortbekenntnis zur Stadt verband. Beispiel: Natürlich hätten andere Städte um Ardex geworben, als sie von den Erweiterungsabsichten des Konzerns erfahren hätten. „Genügend Platz zu haben, wäre bei den anderen einfacher gewesen. Die Gewerbesteuer wäre bei den anderen einfacher gewesen“, legte er gleich zu Beginn die Finger in zwei große Wunden der Stadt – die fehlenden Gewerbeflächen und die extrem hohe Steuerbelastung. Aber: „Wir haben uns nicht betriebswirtschaftlich entschieden“ – sondern für Witten. Weil die Politik den Ardex-Campus und den Ardex-Tower „super“ unterstützt hätten. „Ja“, antwortete Eslamlooy auf die Frage von Weik, „Witten war in diesem Punkt wirtschaftsfreundlich“.

Gewerbesteuer verteidigt

Auch Wilfried Neuhaus-Galladé, Chef des ältesten in Familienbesitz befindlichen Maschinenbau-Unternehmens Deutschland und Präsident der IHK Mittleres Ruhrgebiet, brach eine Lanze für die Stadt – „Witten ist der Standort. Wenn man 272 Jahre in dieser Stadt ist, dann muss was an dem Standort gut sein“ – und bekannte sich gleichzeitig zu seiner häufig kritischen Position zur Stadtpolitik. „Wenn wir alle stumm wären, würde sich nichts entwickeln“, so der IHK-Präsident.

Wittens Bürgermeisterin Sonja Leidemann verteidigte die hohen Steuersätze in der Stadt und schob den schwarzen Peter weiter. „Angesichts der steigenden Sozialkosten brauchen wir Geld vom Bund und Land. Und ohne die Grund- und Gewerbesteuererhöhungen haben wir kein Geld für Investitionen.“ Und die, so Leidemann, seien notwendig, um Stadt und Stadtverwaltung für die digitalisierte Welt fit zu machen. Die digitale Schulinfrastruktur stünde ebenso auf der Agenda wie die Digitalisierung der Stadtverwaltung. „Wir brauchen ein Konzept.“

Das brauchen Energieversorger wie die Stadtwerke Witten auch. Die traditionellen Geschäftsfelder, so Geschäftsführer Andreas Schumski, seien rückläufig. Neben der Energie wird die dazu angebotene Dienstleistung immer wichtiger, um Kunden auch dauerhaft zu binden. Deshalb wolle man dahin kommen, ein Rundum-sorglos-Paket anbieten zu können. Beispiel: „Wir liefern nicht nur Gas, wir liefern dem Kunden auch die Heizung dazu.“ Dass die Stadtwerke zwar alle Privathaushalte in Witten inzwischen mit Öko-Strom beliefern, aber die großen Unternehmen nicht, habe im Übrigen einen einfachen Grund: Energie in Deutschland sei teuer – und deshalb „wird in den Unternehmen hart kalkuliert“. Heißt: Die lassen sich keinen teureren Öko-Strom, sondern den sogenannten „Grau-Strom“ liefern …

Qualifizierte Mitarbeiter

Zentrales Thema zum Ende der Talkrunde: Arbeitnehmer und Auszubildende. Auch hier lieferte Eslamlooy bemerkenswerte Botschaften. Beispiele: „Arbeitslosigkeit wird nicht durch Digitalisierung entstehen.“ Eine Firma wie Ardex brauche künftig mehr Mitarbeiter – hoch qualifizierte Mitarbeiter. Man sei gerade dabei, eine eigene Digitalisierungsabteilung aufzubauen, weil sich alle bestehenden Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung grundlegend verändern würden. Und wenn für den Produktionsprozess nur weniger qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung stünden, „dann müssen wir sie qualifizieren“. Um dann nochmals den Bogen zu seiner Kritik an der Stadt zu schlagen: „Wir müssen für die Stadt Witten ein neues Geschäftsmodell entwickeln, um neue Firmen hier anzusiedeln.“ Man brauche starke Standortfaktoren, wie die Private Universität Witten/Herdecke, damit Unternehmen und Mitarbeiter auch kämen. „Aber mit dieser Grund- und Gewerbesteuer geht das nicht …“

Neuhaus-Galladé unterstützte die Sicht Eslamlooys auf die Arbeitnehmer. „Menschen sind unsere Zukunft“, schrieb er den anderen Unternehmern im Stadtwerke-Forum ins Stammbuch. Nur mit gut ausgebildeten Arbeitnehmern schaffe man den Wandel. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung sei es auch eine Aufgabe der IHK, „neue Berufsbilder zu entwickeln“. Und mit Inbrunst fasste Neuhaus-Galladé seinen Appell zur Ausbildung in den Satz: „Wir Unternehmer sollten die Bereitschaft zur Ausbildung in den Genen haben.“

Eine Bildergalerie zum Wirtschaftsforum Witten finden Sie unter www.bochum.ihk.de