„Fahren Sie ins Silicon Valley!“

Die Zukunft hat längst begonnen ... (Foto: videomotion)
Die Zukunft hat längst begonnen ... (Foto: videomotion)

Selbstfahrende Autos. Künstliche Intelligenz. Big Data. Welt 4.0: keine Gedankengespinste von Science-Fiction-Autoren. Keine wirren Phantasien aus der Traumfabrik Hollywood. Das alles ist heute schon (fast) Wirklichkeit. Eines ist es aber auf jeden Fall: die Zukunft. Natürlich nicht nur, aber mit Sicherheit auch für Unternehmen: Bei vollen Auftragsbüchern im traditionellen industriellen Geschäft oder in Hochzeiten des Konsums im Handel hat diese Erkenntnis zwar noch nicht alle Unternehmen erreicht – aber wer diesen Zug verpasst, der bleibt einsam auf dem Bahnsteig der Geschichte zurück. Und volle Auftragsbücher waren dann vorgestern … Also höchste Zeit, sich aktiv mit der Zukunft zu beschäftigen, war deshalb die ebenso klare wie unmissverständliche Botschaft von IHK-Vollversammlungsmitglied Philip Lehmann, Gründer der Wittener Crosscan GmbH, der den Wirtschaftsbeirat Witten am 19. Oktober zur Herbstsitzung in die Räume der Wittener Pop-Akademie eingeladen hatte.

Lehmann ist mit seiner Firma schon länger auf dem (auch unternehmerisch erfolgreichen) Trip in die Zukunft. Wie man innovative Technologien entwickeln kann – speziell für den Handel – und wie die Digitalisierung ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht, skizzierte er im „Lagebericht“ fürs eigene Unternehmen. Und ließ die Zuhörer staunen: Lehmanns Unternehmen hat beispielsweise eine Software entwickelt, die aktuelle Kundenströme im Handel nicht nur messen, sondern auf Grundlage dieser Daten auch künftige Kundenströme berechnen kann. Mit einer über 90 Prozent erreichenden Genauigkeit. Offensichtlicher Vorteil für Händler, die auf Digitalisierung (auch) in diesem Bereich setzen: Wer weiß, wann die Kundenlawine rollt, kann sein Personal bedarfsgerecht einsetzen – in der Beratung, an der Kasse. Effizienz in Reinkultur.

Aber nicht nur das: Lehmann schlug die Brücke in die weite Welt. Und sprach dabei neue Wahrheiten an, die man nicht mit Vogel-Strauß-Strategien überhören sollte: Die Auswertung von Sensordaten kann den Austausch von Maschinenteilen ermöglichen, bevor diese wirklich kaputt gehen und ausfallen. Automatisierte Systeme können Callcenter und Kundenservice entlasten. Oder werden sie sogar ersetzen. Berufe wie Lkw-Fahrer oder Buchhalter könnten bei konsequenter Weiterentwicklung der Digitalisierung – Stichwort: autonomes Fahren – vollständig verschwinden. Oder werden sich grundlegend verändern. Heißt: Unternehmer, die sich damit nicht auseinandersetzen, sind tatsächlich morgen von gestern.

Und wie mit so viel Zukunft umgehen? Auch dafür hatte Lehmann Tipps parat: „Seeing is believing, fahren Sie ins Silicon Valley“, riet er mit fester Überzeugung. Empfehlenswert sei auch die Zusammenarbeit mit Start-ups, um auf neue Ideen fürs eigene Unternehmen zu kommen und dabei auch eine andere Denk- und Arbeitsweise kennenzulernen. Entscheidend natürlich: die eigenen Mitarbeiter in die Zukunft mitzunehmen: So gelte es, in Weiterbildung zu investieren. Wenn Maschinen intelligent miteinander kommunizieren könnten, müssten Mitarbeiter natürlich ebenfalls intelligent mit Maschinen kommunizieren können. Im Wirtschaftsbeirat wirkten Lehmanns Worte wie eine volle Dosis Motivation …

Mega-Trends nicht verschlafen

Die gleiche Zielrichtung – zwingend Zukunft wagen, Mega-Trends nicht verschlafen – verfolgte auch Prof. Dr. Walter Jochmann, Geschäftsführer der Kienbaum Consultants International GmbH, in seinem Vortrag vor dem Beirat. Der Mega-Trend Digitalisierung werde in manchen Bereichen einen Produktivitätszuwachs um den Faktor Tausend oder sogar eine Million bringen. Jochmann wies auch darauf hin, dass die meisten in den letzten Jahren groß gewordenen Unternehmen ursprünglich nicht aus der Branche stammten, in der sie heute Marktführer seien. Vielmehr sei es ihnen gelungen, durch disruptives Denken neue Märkte zu entwickeln oder traditionelle Unternehmen zu verdrängen. Jochmanns Mahnung: Die meisten Unternehmen in Deutschland würden bis heute rund 90 Prozent ihres Geldes mit alten Geschäftsmodellen verdienen – und seien damit in Gefahr, ihre Marktposition perspektivisch zu verlieren. Was den Wirtschaftsstandort Deutschland in Summe erheblich schwächen würde/könnte.

„Das Verständnis für die Digitalisierung fehlt vielen“, lautete das erschreckende Fazit des Unternehmensberaters. Es sei ohne Zweifel an der Zeit, sich jetzt – und nicht irgendwann – Gedanken über die Zukunft zu machen. Die Digitalisierung zwinge dazu. Was Unternehmen heute bräuchten: die Fähigkeit, ihre bestehenden Geschäftsmodelle immer weiter zu optimieren und die noch möglichen Gewinne zu nutzen, um künftige/neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu erkunden.

„Disruption gelingt nie mit eigenen Leuten und Strukturen“, warnte der Experte. Er beschrieb, wie große Konzerne kleine, unabhängige Einheiten ausgründeten, in denen Digitalexperten frei von Strukturen, Bürokratie und Zwängen Experimente machen könnten. Es sei ratsam, mindestens zehn Prozent der heutigen Erlöse in diese „Wette auf die Zukunft“ zu investieren. Es brauche in den Unternehmen Kreativität und optimale Arbeitsbedingungen für andersdenkende Mitarbeiter. In dieser agilen Struktur sei Platz für Mitarbeiter, die für das Motto „Das Leben wird ein Projekt“ stehen würden. Diese Menschen hätten Spaß an Veränderung. Und die brauche (fast) jedes Unternehmen.

Topleute nicht so wichtig

Während in traditionellen Unternehmen die Qualität der Führungskräfte einen hohen Einfluss auf den Erfolg habe, sei dies künftig anders. „In der agilen Organisation kommt es auf die Topleute nicht mehr an“, so Jochmann. Er sprach sich für den Abbau der mittleren Führungsebene aus. Wichtiger seien in Zukunft erfahrene Projektleiter und begeisternde Kundenmanager. Führung brauche man nicht mehr als Kontrolle und Leitfigur, sondern in erster Linie als Coach für das Team.

Er empfahl, die Führungsstruktur in Unternehmen regelmäßig zu überprüfen und Führungskräfte z. B. alle fünf Jahre mit einer neuen Aufgabe zu versehen. „In einer flexiblen, lernenden Organisation kann man nicht zehn Jahre den gleichen Job machen“, mahnte er. Das schaffe Raum für Andersdenkende und Kreativität.

Diese Steilvorlage nahm IHK-Präsident Wilfried Neuhaus-Galladé, der auch den Wirtschaftsbeirat in Witten leitet, auf. Zum Ende der Diskussion, in der es auch um die gesellschaftlichen Folgen des Wandels ging, schrieb er sich und den anderen Unternehmern ins Stammbuch, sich zwingend mit diesem Thema zu beschäftigen und die Menschen im Unternehmen „machen zu lassen“.